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Das
erste Rallyeauto, das in meinem Herz was zum Schwingen brachte, war der
BMC 1800, den jeder nur die Landkrabbe nannte. Drei Werkswagen mit solchen
Schnöseln wie Mäkinen, Aaltonen und Fall waren zur Safari 1968
gestartet und gleich sozusagen in den Außenbezirken von Nairobi
verreckt, ich glaube, sie warfen einfach die Räder ab.
Da begriff
ich, daß auch in großen Werken ziemlich komische Dinge passieren,
und dieser Gedanke hat seither nie aufgehört, mich zu wärmen. In meiner weiteren Karriere als Rallye-Zuschauer wurde die Landkrabbe
keines der wirklich wichtigen Autos, aber es war schön, vereinzelt
eine zu sehen, ein verirrtes Tier wo auch immer.
Das wichtigste
Auto war natürlich der Escort, weil es ihn zwölf Jahre lang
als Werkswagen gegeben hat, vom leicht erhitzten Sechzehnhunderter über
den Twin Cam zum BDA und schließlich zur Endversion jenes RS, der
260 PS rausrotzte. Die Werks-Escorts waren zu allen Zeiten Symbol für
pride in craftsmanship, für den Stolz auf gutes, ehrliches
Handwerk nach schönsten britischen Traditionen, und je mehr Britanniens
Handwerk den Bach runterschwamm, um so klarer hob sich diese Insel der
alten Werte hervor. Was in Boreham gebaut wurde, war ein gediegenes Stück
Technik, gerade so nervös, um Rasse und Feuer und Pep zu haben, und
gerade so robust, um von London nach Mexiko zu kommen, den ersten Europäer
zum Safari-Sieg zu führen (Mikkola 1972) und achtmal hintereinander
die RAC-Rallye zu gewinnen. Es hat nie, außer bei Marathons, mehr
als zwölf Mechaniker für ein Drei-Wagen-Team gegeben, aber jeder
einzelne von den Jungs wußte derart genau, wo er hingriff und warum
er dort hingriff, daß die Fords - neben den Saabs - immer als die
bestgeserviceten Autos galten.
Der Escort war auch insofern Inbegriff der letzten Epoche der alten Zeit,
weil er auf wirklich ordinäre Weise driftete (mein Gott, Roger Clark
hängte ja selbst auf der Geraden den Hintern raus) und weil er einen
anständigen Wirbel machte, Das war der ehrliche Spruch eines gesunden
Doppelnockenmotors, weitergegeben an ein unverzärteltes Auspuffsystem,
und wenn ein Werks-Escort kam, dann WUSSTE MAN davon mit gehöriger
Voranmeldung. Die Escorts rochen auch besonders gut. Ich habe diese Wohlgerüche,
die herbe Grundhaltung mit verspielten süßlichen Zwischentönen
und dem zartbitteren Schweif, einmal meinem Freund Fritz Indra beschrieben,
und er hat gesagt: CO, CO2, unverbrannte Kohlenwasserstoffe mit einem
Hauch von Stickoxyden. Das müßte doch ein hübsches
Flakon ergeben: Die gepflegte Duftnote für den kultivierten Wixer.
Sehr gut gerochen und gesprochen haben auch die kleinen Alpines, hauptsächlich,
wenn sie blau waren, aber sie waren ja fast immer blau, damals hielt man
noch was auf die Racing-Nationalfarbe. Blau ist natürlich französisch,
so wie Rot italienisch und Grün britisch ist, es hat aber nie einen
grünen Werks-Escort gegeben.
Persönliches
spielte eine große Rolle. Hannu Mikkola und (noch viel mehr) Gunnar
Palm waren meine Freunde gewesen, als sie London - Mexico gewannen, daher
hatte ich den Escort liebgehabt; und dann war dieser unendlich liebenswerte
Ove Andersson, der trotz all seiner Talente NICHTS, NICHTS, NICHTS gewonnen
hatte, und plötzlich erhob er sich wie ein Königsadler in jenem
denkwürdigen Jahr 1971 und bügelte alle nieder. Natürlich
liebte ich auch das Auto, mit dem Ove siegreich war, die kleine
Alpine. Man könne sich den Wagen so vorstellen, sagte Ove, als hätte
man zwei liegende Männer mit Kunststoff überzogen und auf Räder
gestellt. Den Gedanken, seine eigene Knautschzone zu sein, mußte
man überwinden, um zu einem völlig neuen Fahrgefühl zu
kommen: Man kann Kurvenfolgen damit schneller fahren als man sie denken
kann, sagte Andersson. Die Alpine hatte alle Tugenden für ein
Zuschauer-Auto Sie sah hinreißend aus und hatte einen b bösartigen,
aggressiven Sound, konnte phantastisch driften und weckte Chauvinismus,
was recht wichtig ist, weil das Publikum ja oft in der Kälte steht
und auf wärmende Gefühle angewiesen ist. Für die Franzosen
war es am schönsten, wenn die Alpines die Porsches bügelten,
und für mich war es am schönsten, wenn Ove mit der Alpine alle
Franzosen (auch auf Alpine) flambierte. 1971 gewann Ove hintereinander
Monte Carlo, San Remo (damals eine Winterrallye!), die österreichische
Alpenfahrt und Akropolis.
Zu jener
Zeit gab es natürlich auch die herzige Lancia Fulvia, die ein wunderbarer
Herzschrittmacher für die italienischen Fans war. Obwohl einer meiner
Lieblinge (Simo Lampinen) im Lancia-Werksteam war, fehlte mir irgendwie
das Feeling für die Fulvia. Statt dessen begeilte ich mich an einem
häßlichen Fetzenflieger, der auf den Namen Fiat 124 Spyder
hörte. Das Ding sah immer unordentlich und nahe der Auflösung
aus, selbst wenn es zum Start rollte. Die Häßlichkeit des Wagens
ging irgendwie zu Herzen, besonders dann, wenn dem roten Auto gelbe Kotflügel-Verbreiterungen
raufgesteckt wurden. Der Spyder hatte noch schönere X-Beine als die
Alpine, und wenn er beim Start den ungeschlachten Hintern niederpreßte
und fürchterlich zu furzen begann, erinnerte er an eine aerodynamische
Krot. Der Mann, der diesem Ding das Fliegen beibrachte, hieß Hakan
Lindberg, ein dicklicher Schmähführer von allerhöchsten
Graden - und das beherzteste Lenkradtier der frühen siebziger Jahre.
Bergab, Schnee, Eis, ein paar Fetzerl Nebel, Lindberg, Fiat Spyder - da
war GRANADA in der Luft. Der Spyder blieb auch nach Lindbergs Zeiten eines
meiner liebsten Geräte, denn eine Reihe von begnadeten italienischen
Wixern hatte die Volants übernommen, an den Servicepunkten spielten
sich ganze Verdi-Stoffe ab, und auf freier Wildbahn verglühten die
Herren Paganelli, Trombotto und Co mit den schönsten Auerbachs und
Doppelaxeln. Heiße Zähren quellen mir heute noch aus den Tränensäcken,
wenn ich an San Remo 1974 denke: Sieben Werks-Spyder am Start, fünf
davon zerschellten auf der ersten Sonderprüfung, am unheiligen Berg
Monte Ceppo.
Wenn man
die Dinge etwas nüchterner sah, lief die größte Show allerdings
ganz woanders. Die erstaunlichsten Rallyeautos der späten sechziger
und frühen siebziger Jahre wurden im schwedischen Trollhättan
gebaut. Ende 1971, als es schon die leckersten Escorts, Porsches, Alpines
und Lancias gab, gewann Stig Blomqvist auf einem Saab V4 (also ein 96,
der aber immerhin schon viertaktete) die RAC-Rallye mit gut drei Minuten
Vorsprung auf den jungen Herrn Waldegaard, der damals in seinem Lieblingsauto
saß, einem Porsche 911 S. Der Saab wog elfhundert Kilo, strampfte
aus 1815 ccm exakt 148 PS heraus und trottete in 9,5 Sekunden von Tempo
Null auf Tempo Hundert. Dafür überschlug er sich ziemlich leicht,
hochbeinig, wie er war, das war die berühmte ansatzlose Hechtrolle
- sie war nur in den seltensten Fällen ein Grund, die Rallye zu beenden.
Man zog sich einfach wärmer an, weil einige Fensterscheiben fehlten.
Das Auto
hatte ein physikalisches Geheimnis, das bis heute nicht ganz enthüllt
worden ist. Alles, was mit Beschleunigung zusammenhing, mußte man
vergessen, da war der Saab inferior. Die Jungs, allen voran Stig, waren
voll darauf konzentriert, eine einmal aufgebaute Geschwindigkeit nicht
wieder herzugeben, und da durfte man sich durch Kurven eben nicht stören
lassen. Dieser Geisteshaltung kam der Freilauf entgegen, den die Saab
96 ja bis zuletzt hatten: Das Fehlen einer Motorbremse machte das Auto
weniger nervös - und offensichtlich auch den Fahrer, solang er Blomqvist
hieß. Natürlich wurde links gebremst, was ich vor zwölf
Jahren auf dem heißen Sitz neben Blomqvist solcherart empfand: Erst
nach dem Lenkradeinschlag tritt der linke Fuß ziemlich voll auf
die Bremse, der rechte bleibt auf dem Gaspedal. Mit einem Stakkato von
Gasstößen und Bremsungen wird das Fahrzeug in die Kurvenrichtung
gezwungen. Ich notierte noch, daß das Heck immer ratenweise
ausbreche, aber nur selten ganz nach sideways schwingen dürfe, notierte
ferner die ruhige Lenkradhaltung (zum Lenken ist eben das Gaspedal da)
und das süße dünne Stangerl am Lenkrad, mit dem die Gänge
überaus sachte eingelegt wurden, Stig griff nur mit den Fingerspitzen
hin.
Von außen sah das ganz unglaublich aus, und ich habe nie wieder
beim Zuschauen ein derartiges Hochgefühl erlebt als in jenen Momenten,
wo Stig Blomqvist einen Saab bergab fuhr, man sollte sagen: Er schmiß
den Wagen den Hang runter.
An einem Oktobermorgen 1974 begann die neue Zeit. Ein Stratos rollte
an den Start eines Weltmeisterschaftslaufs. Die Zukunft würde den
Racing Rallyeautos gehören, und für 1983 rechnet man bereits,
daß das Spitzenauto Vierradantrieb und 400 PS haben wird, und wenn
man es kaufen könnte, darin um runde zwei Millionen.
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